
Einführung
Die Radialisparese ist ein hochrelevantes klinisches Krankheitsbild, da ihr anatomischer Verlauf lang und vorhersehbar ist, was die Lokalisierung bei Erkennung der Muster unkompliziert macht. Der Nervus radialis verläuft von der Achselhöhle durch den Sulcus nervi radialis, über den Ellenbogen bis in den hinteren Unterarm und versorgt die Streckmuskeln und die Dorsalseite der Hand sensibel. Dieser Artikel bietet schnelle, untersuchungsfertige Tipps, um das Verletzungsniveau ausschließlich anhand motorischer und sensorischer Defizite zu identifizieren.
Warum sich die Radialisparese so gut lokalisieren lässt
Der Nervus radialis gibt an bestimmten, konsistenten Punkten Äste ab:
- Proximale motorische Äste zum Trizeps zweigen früh ab.
- Verletzungen im Sulcus nervi radialis schonen den Trizeps.
- Der tiefe Ast wird zum Nervus interosseus posterior (NIP), einem rein motorischen Nerv.
- Die sensible Versorgung des Handrückens erfolgt durch Äste, die unter Nerven des Handrückens behandelt werden.
Diese anatomischen Kontrollpunkte machen die klinische Untersuchung sehr zuverlässig.
Tipp 1: Handgelenksfall allein lokalisiert die Läsion nicht
Der Handgelenksfall ist ein klassischer Befund, tritt aber bei mehreren Läsionsebenen auf. Er unterscheidet nicht zwischen axillären, Sulcus- oder NIP-Läsionen.
Immer testen:
- Trizepskraft
- Fingerstreckung
- Daumenstreckung
- Sensibilität des Handrückens
- Brachioradialis-Reflex
Die Lokalisierung hängt von der Kombination der Befunde ab, nicht allein vom Handgelenksfall.
Tipp 2: Schwacher Trizeps bedeutet eine sehr hohe Läsion
Wenn die Ellenbogenstreckung schwach ist, liegt die Läsion proximal des Sulcus nervi radialis. Dies weist auf die Achselhöhle oder den proximalen Oberarm hin, wo Radialnervenäste abgehen, wie unter Radialisäste im Arm dargestellt.
Typische Ursachen
- Achselkrücken-Kompression
- Läsionen des Fasciculus posterior
- Längere Kompression bei Intoxikation
Muster
- Schwacher Trizeps
- Handgelenksfall
- Sensibilitätsverlust am hinteren Oberarm und Unterarm
- Schwache Fingerstreckung
Klinische Perle: Schwacher Trizeps = hohe Radialisläsion.
Tipp 3: Sulcus-Läsionen schonen den Trizeps
Schafftfrakturen des Humerus schädigen häufig den Nervus radialis im Sulcus nervi radialis.
Muster
- Trizeps erhalten
- Handgelenksfall vorhanden
- Finger- und Daumenstreckung schwach
- Sensibles Defizit am Handrücken
Klinische Perle: Trizeps intakt + Handgelenksfall = Sulcus-Läsion.
Tipp 4: NIP-Läsionen sind rein motorisch (kein Sensibilitätsverlust)
Der NIP ist ein rein motorischer Ast, der die hintere Unterarmloge versorgt. Die Sensibilität bleibt erhalten.
Muster
- Intakte Ellenbogenstreckung
- Intakte Handgelenksstreckung, aber mit radialer Abweichung
- Fehlende Fingerstreckung
- Kein sensibles Defizit
Klinische Perle: Verlust der Fingerstreckung + normale Sensibilität = NIP-Parese.
Tipp 5: Läsionen des oberflächlichen Radialnervs sind rein sensibel
Läsionen des oberflächlichen Radialnervs verursachen Sensibilitätsverlust über dem dorsoradialen Handrücken. Die Motorik ist normal. Das Muster entspricht den unter kutaner Innervation der oberen Extremität besprochenen Gebieten.
Muster
- Taubheitsgefühl am dorsoradialen Handrücken
- Brennen oder Kribbeln
- Normale Handgelenks- und Fingerkraft
Klinische Perle: Normale Motorik + dorsaler Sensibilitätsverlust = Verletzung des oberflächlichen Radialnervs.
Tipp 6: Die Brachioradialis-Kraft trennt hohe von tiefen Läsionen
Der Brachioradialis, der vor dem Sulcus nervi radialis innerviert wird, ist ein wichtiger Unterscheidungsfaktor. Wenn er schwach ist, liegt die Läsion proximal; wenn normal, liegt die Läsion im Sulcus oder distal davon.
Tipp 7: Das Muster des Sensibilitätsverlusts kartiert die Läsionsebene
Die Verteilung des Sensibilitätsverlusts liefert eine schrittweise Kartierung:
- Hinterer Oberarm → hohe Läsion
- Hinterer Unterarm → Sulcus
- Dorsoradialer Handrücken → distaler Radialnerv
- Kein Sensibilitätsverlust → NIP
Klinische Perle: Die sensorische Kartierung ist eine schnelle und zuverlässige Lokalisierungsmethode.
Tipp 8: Die Fingerstreckung ist der nützlichste Motoriktest
Die Fingerstrecker (siehe Musculus extensor digitorum) sind bei Radialiskompromittierung anfällig.
Interpretation
- Schwach bei hohen Läsionen
- Schwach bei Sulcus-Läsionen
- Fehlend bei NIP-Läsionen
- Normal bei Läsionen des oberflächlichen Radialnervs
Tipp 9: Die Daumenstreckung wird früh schwach
Die Daumenstrecker, einschließlich Musculus extensor pollicis longus, werden oft vor den Fingerstreckern schwach, besonders bei subtilen NIP- oder Sulcus-Verletzungen.
Tipp 10: Die meisten Radialisparesen nach Humerusfraktur erholen sich
Geschlossene Humerusschaftfrakturen verursachen meist eine Neuropraxie mit hohen Spontanerholungsraten.
Indikationen für frühe Exploration
- Offene Fraktur
- Gefäßverletzung
- Progrediente neurologische Verschlechterung
- Keine Besserung nach Monaten
Klinische Perle: Die meisten Radialisparesen bei geschlossenen Frakturen erholen sich ohne Operation.
Zusammenfassung
Die Radialisparese ist ideal für eine schnelle Lokalisierung aufgrund vorhersehbarer Verzweigungsmuster. Hohe Läsionen schwächen den Trizeps, Sulcus-Läsionen schonen ihn, NIP-Paresen verursachen rein motorischen Verlust und Läsionen des oberflächlichen Radialnervs verursachen rein sensiblen Verlust. Mit strukturierter Testung der Trizepskraft, Handgelenksstreckung, Fingerstreckung, Daumenstreckung, Brachioradialis-Kraft und Sensibilität des Handrückens können Kliniker die Läsion genau und schnell lokalisieren.